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Vom Kommunisten zum Dissidenten: Alfred Kantorowicz (1899-1979) Drucken E-Mail

Von Martin Rooney


„Hier war ein unsicherer Kantonist. Der stellte in Frage, was angeblich ewig dauern sollte. Die Mächtigen nennen das Ketzertum und fürchten solche innere Gegnerschaft weit mehr als den Feind von außen. Der hier war ein Ketzer. Alle Zeiten, auch die unsere, haben den Typus nötig wie die Luft zum Atmen.“ So würdigte der Schriftsteller Ralph Giordano in seiner Rede zur Eröffnung der Alfred-Kantorowicz-Ausstellung am 6. Oktober 1999 in der Universitätsbibliothek Hamburg seinen langjährigen Freund und Mentor. Das ist das Los jedes „streitbaren Humanisten“ (Heinrich Mann) im 20. Jahrhundert gewesen. Einer, der sich nicht korrumpieren ließ; einer, der sich nichts abhandeln noch anhängen ließ; einer, der sich eher verkroch als anbiederte – der Freund Ernst Blochs, Heinrich Manns und Lion Feuchtwangers, der Mitarbeiter Willi Münzenbergs und Arthur Koestlers, der Feind „Kubas“ und Ulbrichts (der ihm die Kenntnis der verhängnisvollen kommunistischen Aktivitäten hinter den Fronten im Spanischen Bürgerkrieg nie verzieh). Denn „Kanto“, wie ihn seine Freunde nannten, war ein Kämpfer, Teilhaber an den großen gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen, die schließlich auf ihn zurückfielen. Er hat nicht beiseite gestanden und nicht nur mit dem Wort gekämpft, sondern auch mit der Waffe. Anlässlich seines 70. Geburtstags konstatierte die „Frankfurter Rundschau“ nüchtern: „Alfred Kantorowicz, Professor, Schriftsteller, Jude, Kommunist, Spanienkämpfer, ist von Niederlagen bedeckt wie ein alter Kämpe von Wunden.“ Sein Blick, so zeigen alte Photos, war von melancholischem Ernst, teilweise kritischer Kühle: selten umspielte ein Lächeln seine sinnlichen Lippen. Emotionen zu zeigen war seine Sache nicht. Die Lebensgeschichte des 1979 in Hamburg verstorbenen Literaturwissenschaftlers und Publizisten war zugleich auch die Geschichte eines lebenslangen Leidens an Deutschland. Dieser knappe Aufsatz soll einen ersten Einblick in Leben und Werk eines Autors geben, der wie kaum ein anderer Chronist seiner Zeit war.

Alfred Kantorowicz wurde am 12.8.1899 in Berlin in eine gutbürgerliche jüdische Kaufmannsfamilie hineingeboren. Sein Geburtshaus stand in der Krausnickstraße 1, aber seine Kindheit verlebte er unter anderem am Holsteiner Ufer. Als Kriegsfreiwilliger wurde der siebzehnjährige Schüler der Hohenzollern-Oberrealschule in Schöneberg Soldat und nahm bis zu einer Verwundung am 1. Weltkrieg teil. Nach 1918 kehrte er als Kriegsversehrter in die Heimat zurück und erhielt für seine Verdienste das Eiserne Kreuz.

Sein Jurastudium begann er 1919 auf Anraten seines Vaters in Berlin. Aus eigenem Interesse studierte er auch Germanistik. Damals lernte er Lion Feuchtwanger und Ernst Bloch kennen, denen er sein ganzes Leben lang verbunden bleiben sollte. Sein weiteres Studiim führte ihn nach Freiburg, dann nach Erlangen. Unter dem Eindruck des massiven Antisemitismus in der Erlanger Studentenschaft verfasste er seine Doktorarbeit „ Die völkerrechtlichen Grundlagen des nationaljüdischen Heims in Palästina“ (1924). Damals entstand auch sein Drama „Erlangen. Deutschland: Das ist eine Minderheit“, das erst 1929 zur Veröffentlichung gelangte. Der engagierte Journalist, seit 1928 in Paris wohnhaft als Frankreich-Mitarbeiter der „Vossischen Zeitung“, der „Literarischen Welt“ und der „Weltbühne“, trat 1931 unter dem Eindruck des Prozesses gegen Carl von Ossietzky in Berlin der KPD bei, weil er damals glaubte, in ihr die konsequenteste antifaschistische Kraft entdeckt zu haben. Bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten lebte er im legendären „Künstlerblock“ am Laubenheimer Platz und kämpfte mit Wort und Tat gegen die immer bedrohlicher werdende nationalsozialistische Bewegung. Im Rahmen einer Flugblattaktion der Bewohner der Künstlerkolonie gegen die Nazis lernte Kantorowicz auch Karola Piotrowska kennen. Die Hochzeit mit ihr war schon geplant, als sie Ernst Bloch traf und ein Jahr später dessen dritte Ehefrau wurde.1933 konnte Alfred Kantorowicz, als Jude und Kommunist doppelt gefährdet, nur knapp der Verhaftung durch die Gestapo entgehen und floh mit seiner späteren ersten Ehefrau Friedel nach Paris. Dort konnte er durch die Mitarbeit an dem von Willi Münzenberg herausgegebenen „Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror“ dringend benötigtes Geld verdienen. Am ersten Jahrestag der Bücherverbrennung gründete er den „Schutzverband deutscher Schriftsteller im Exil“ und die „Freiheitsbibliothek“, in der Bücher von exilierten und verfemten deutschen Autoren erschienen. Was in Deutschland verboten und verbrannt worden war, wurde in aller Welt gesammelt. Bereits am Eröffnungstag zählte die Freiheitsbibliothek über 11 000 Bände. Damals arbeitete er eng mit Heinrich Mann zusammen, dessen Werk und dessen Wirken ihm, wie auch Carl von Ossietzky, zum Vorbild wurden. Während des Spanischen Bürgerkriegs, über den er ein auflagenstarkes „Spanisches Tagebuch“ geschrieben hat, kämpfte er auf der Seite der Republikaner in einer der Internationalen Brigaden. Nach deren Niederlage kehrte er nach Frankreich zurück, von wo er, nach Kriegsausbruch im Internierungslager Les Milles festgesetzt, nach fast dreimonatiger Odyssee am 18. Juni 1941 von Marseille mit dem Schiff nach New York gelangen konnte.

Die Eingewöhnung in den USA vollzog sich allem Anschein nach reibungslos. Auf Empfehlung Feuchtwangers erhielt er ein Arbeitsstipendium der Stiftung Yaddo, die Zeitschrift „Tribüne“ bot ihm Mitarbeit an, Kontakte zu amerikanischen Schriftstellerkollegen gestalteten sich vielversprechend, schließlich erhielt er einen Job bei der Rundfunkstation CBS. Seine Aufgabe war das Abhören und Auswerten der sogenannten Feindsender. Beeindruckt zeigte sich Kantorowicz von der Art und Weise, wie am 10. Mai 1943 Amerika unter Roosevelt des 10.Jahrestages der Bücherverbrennung gedachte. Er selbst veröffentlichte dazu Artikel, z. B. in „Free Monthly“; schon darin fand sich eine nach Nationalitäten aufgeschlüsselte Liste von Schriftstellern, von Sherwood Anderson bis Julius Tuwim, die 185 Schriftsteller anführt, honored by having their works barred from nazi Germany (Alfred Kantorowicz).

Als sich das politische Klima gegenüber denjenigen, die vorzeitig und exzessiv gegen Hitler gekämpft hatten, zu verschlechtern drohte, als die Einbürgerungschancen sanken, überdies die Furcht aufkam, man könnte unter Umständen unfreiwillig an die USA gekettet sein, traf Kantorowicz Anfang 1946 ernsthaft Vorbereitungen zur Heimkehr. Feuchtwangers Ratschlag, die Tür nicht zu überstürzt zuzuschlagen, überzeugte Kantorowicz jedoch nicht. Er sei, wie Kantorowicz damals formulierte, „zu jung, um nur an Sicherheit zu denken und den Zuschauer im Existenzkampf meines Volkes zu spielen“. Ein Brief an Karola Bloch vom 4. November 1946 verweist nicht nur auf früh erkannte Fronten, verblüfft durch den depressiven Tenor in Kantorowicz’ Prognose, die völlig mit seinen Aufbau- und Vermittlungsabsichten kontrastiert: „Die letzten Wochen waren mehr als unerquicklich. Das Ausmaß unserer Niederlage ist von Tag zu Tag offenbarer geworden. Hitler hat im Weltmaßstabe gesiegt, uns ist keine Rast gegeben. Ich sehe schwarz für die nähere Zukunft – generell und persönlich. Was falsch gemacht werden kann, wird falsch gemacht werden von Leuten, die seit nunmehr zwanzig Jahren alles falsch machen; es ist eine liebe, alte eingefleischte Tradition geworden. Was mich betrifft, so verlasse ich Amerika mit leeren Händen und in der Gewissheit, dort drüben Herzfeldes und Weiskopfs und Bredels in Hülle und Fülle zu finden, die in Ermangelung anderer Erfolge mich mit Erfolg daran hindern werden, zu Worte zu kommen.“

In sein Tagebuch notierte Kantorowicz am 7.Dezember 1946 vor der Ankunft in Bremerhaven: Morgen früh dürfen wir an Land. Das Exil ist zu Ende. In greifbare Nähe gerückt war die Verwirklichung eines lang gehegten Plans: Die Herausgabe einer von allen Besatzungsbehörden lizensierten Kulturzeitschrift, die sich als Ziel setzte, wie er in einem Brief vom 15. August 1946 an Feuchtwanger formulierte„eine intellektuelle Verständigung zwischen hüben und drüben anzubahnen.“ Das Ergebnis dieses weniger explizit politischen als vielmehr geistigen Brückenschlages stellten die dreißig Hefte seiner ab Sommer 1947 unter alleinig sowjetischer Lizensierung startenden Zeitschrift „Ost und West“ dar. Die Zeitschrift zielte konzeptionell darauf ab, vor allem junge Leser in allen Besatzungszonen anzusprechen und wies dementsprechend ein vielfältiges, deutlich übernationales Profil auf. Mittels biographischer Skizzen wurden die Leser an bedeutende, aber in Deutschland unbekannte Schriftsteller heran geführt. Der Vermittlungsanspruch war umfassend, da die Jugendlichen im Nachkriegsdeutschland so gut wie nichts von Exil- und Katakombenverhältnissen wissen konnten, ihnen damit jedes Bewusstsein von der Nobilität der geistigen Freiheit (Alfred Kantorowitz) abging. Die Jugend müsse angeleitet werden, aufmerksam gemacht werden auf diese noch zu entdeckende geistige Schatzkammer. Leitbilder eines Literaturkanons, dem es um weltanschauliche Orientierung statt Verpöbelung ging, lieferte die weite Palette von Exilautoren.

Im Kontext von Kantorowicz’ Wunschtraum einer Generationen-Verständigung kam der Repatriierung der verdrängten Exilliteratur ein vorderster Platz zu; sie konnte den Horizont der Nachkriegsleser korrigieren, erweitern und schärfen. In diesem Sinne sprach Kantorowicz nach seiner Ankunft in Deutschland in einer 1947 von Radio Bremen ausgestrahlten Rundfunksendung mit dem Titel Vom moralischen Gewinn der Niederlage. Rückschauend bezeichnete er die Exiljahre als Dienst an Deutschland, und vorausschauend ging er davon aus, dass es nunmehr vor allem auf eines ankommen würde, auf das fruchtbare, vorbehaltlose Gespräch aller mit allen, die Hitler die Stirn geboten hatten, egal ob sie ehrenhaft im Reich überdauert oder aus dem Exil, von außen Einfluss zu nehmen versucht hatten. Ihm schwebte eine Art gesellschaftlicher und geistiger Läuterungsprozeß vor. Kantorowicz ging es darum, den unvoreingenommenen und breitestmöglichen gesellschaftlich-literarischen Diskurs zwischen Exilierten, Vertretern des Widerstands gegen Hitler sowie der „inneren Emigration“ zu initiieren und zu führen. 1947 entstand gemeinsam mit dem Publizisten Richard Drews eine wichtige Pionierarbeit unter dem Titel „Verboten und verbrannt“, die eine erste alphabetische Zusammenstellung mit 191 Textproben und eine 556 Autoren erfassende Bio-Bibliographie darstellte. Der Glaube an die überdauernden Leistungen des Exils war es, der ihn 1947 ermutigte und in der Illusion bestärkte, dass die Rückkehrer aus dem Exil mit allem Recht nicht als Nachhut, nicht als letzte Überlebende einer zusammenstürzenden Zivilisation, sondern als Vortrupp einer neuen Gesellschaft und als Architekten des neu zu erbauenden Hauses eine konstruktive und konstitutive Rolle im Nachkriegsdeutschland spielen würden. Gleichzeitig erinnerte er hier, wie in zahlreichen späteren Reden und Publikationen, an die Heterogenität im Exil, verwies auf das, was er 1978 in einer letzten Aufarbeitung und Bilanz einer „Politik und Literatur im Exil“, als das Stigma der Vielspältigkeit des Exils erkennt und entfaltet. Gern strich er die solidarischen Höhepunkte einer Gegenwehr im Exil heraus, breitete genauso akribisch Beispiele durchlittener Niederungen aus, aus denen das Exil oftmals bestanden hatte, führte er Verlustlisten an. Kantorowicz machte es sich zur Mission, den Weg zur Rezeption der Literatur des Exils zu ebnen, denn die deutsche Rehabilitation vor der Welt ist bedingt durch innere Rehabilitierung, und die deutsche Freiheit wird gewonnen oder verloren in dem Maße, in dem wir unsere innere Freiheit zurückerobern. Erlebnisse und Erfahrungen wie das von Ulbricht 1949 erzwungene Ende von „Ost und West“, die Absetzung im Jahre 1951 seines Antifa-Schauspiels „Die Verbündeten“ vom Spielplan, die Ablehnung einer Neuauflage seines Spanienbuches beförderten Kantorowicz’ Frontstellung gegenüber dogmatischer Starre und gesellschaftlich erwünschter Konformität in der DDR. Dies spiegelte sich sinnfällig in „ungehobelten Versen“, die Kantorowicz aus Protest gegen einen Schlager der FDJ, sicherlich dem Gegenbild seiner „suchenden Jugend“, notierte:

„Tretet einmal aus der Reihe.

Seht, das war das wahrhaft Neue

Geht alleine, ohne Tritt,

nicht mit tausend andern mit.

Nicht in Rudeln, nicht in Rotten

Massenware zum Verschrotten;

Nicht in Haufen, nicht in Horden.

Ost und West und Süd und Norden

Seht Euch um, bleibt einmal stehen.

Schöpft tief Atem, lasst Euch gehen.

Nicht Euch führen gleich dem Blinden,

unbedenklich, fraglos binden.

Selber sollt den Weg Ihr finden.

Zu Euch selber sollt Ihr finden.“

Die verbleibenden Jahre in der DDR kämpfte Kantorowicz, der 1947 der SED beigetreten war, auf dem akademischen Nebenkriegsschauplatz als Germanistik-Professor an der Humboldt-Universität, den er auch als Zufluchtsort zu schätzen wusste. Selbst wenn er später diese Phase verbittert als Einbahnstraße in die Sackgasse der Zwangsbewirtschaftung von Kunst, Literatur und Wissenschaft durch geistfeindliche, amusische Parteifunktionäre bewertete, die universitäre Lehre trug ihm bis zu einem gewissen Grade Kontakt und Einfluss auf eine nachwachsende Studentengeneration ein. Er hielt Vorlesungen über Exilautoren und schuf entscheidende Voraussetzungen zur Verbreitung und Erforschung von Exilliteratur, indem er systematisch das Heinrich-Mann-Archiv aufbaute und in den Jahren 1951-56 dessen Oeuvre edierte und kommentierte. Neben Thomas Mann zählte auch Lion Feuchtwanger zu den bevorzugten Autoren, deren Werke auf seine Anregung hin eine wissenschaftliche Auseinandersetzung in der DDR erfuhren. Doch schon nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 griff die innerstaatliche Verhärtung auch auf die Universitäten über. Nach dem Ungarn-Aufstand im Jahre 1956 wollte die SED endgültig die Kontrolle über den Hochschulsektor haben. Die Ungarn-Resolution, die das gewaltsame Vorgehen der Sowjet-Truppen gegen die freiheitlichen Kräfte Ungarns rechtfertigen sollte, unterschrieb Kantorowicz nicht und floh im August 1957 in die Bundesrepublik, nachdem er deutliche Hinweise auf seine bevorstehende Verhaftung erhalten hatte.

Doch auch in der Bundesrepublik entzog man sich ihm. Er musste jahrelang um seinen Status als Flüchtling kämpfen. Auf seiner weitgehend von Nichtbeachtung in der Bundesrepublik geprägten Wache im Niemandsland blieb ihm in relativ bescheidenem Maße Gelegenheit, sich für die Verbreitung von Exilliteratur einzusetzen. Die Abrechnung mit dem Ulbricht-Orbit, wie er es nannte, überlagerte und lenke auch die Art, wie er die Exilliteratur betrachtete, und bestimmte auch seinen Blickwinkel. Seine Tagebücher der Jahre 1945-1957 wurden unter dem Titel „Deutsches Tagebuch“ Erster Teil (1959) und Zweiter Teil (1961) im Münchner Kindler Verlag veröffentlicht. Mit zuweilen ätzender Schärfe und großer Bitterkeit fällte er ein Urteil darüber, was in den Jahren 1945-1961 im westlichen und östlichem Teil Deutschlands verpasst und verpatzt worden war. Er zog im Nachwort ein klares Fazit: „Die Überzeugung, der ich drüben nicht abschwören wollte und der ich hier (bislang) nicht abschwören musste, ist diese: Der Kampf gegen die Tyrannei ist unteilbar.“

Nach einem unerquicklichen Aufenthalt in Bayern lebte er ab 1963 im weltbürgerlich liberaleren Hamburg, veröffentlichte wichtige Bücher über Nationalsozialismus, Faschismus und Stalinismus. Einige seiner wichtigsten Publikationen in diesen Jahren seien hier aufgezählt: „Deutsche Schicksale. Intellektuelle unter Hitler und Stalin“ (1964), „Im zweiten Drittel unseres Jahrhunderts“ (1967), „Der geistige Widerstand in der DDR“ (1968), „Exil in Frankreich“ (1971) und „Die Geächteten der Republik“(1977). Doch Exilerfahrungen, zumal von einem Kommunisten bzw. “Renegaten“, interessierten wenig. Von rechts und links politisch diffamiert, blieb er ein Außenseiter. Das Wirtschaftswunderland Bundesrepublik schenkte seiner Meinung nach dem Geistigen und dem Musischen kaum Aufmerksamkeit, kannte kaum den produktiven Zweifel. Hier offenbarte sich die Kontinuität eines fortwirkenden Anti-Intellektualismus, gepaart mit einer Ideologie des raschen Davonkommens, so dass, was die Botschaft der Exilierten betraf, der Kraftakt der kollektiven Verdrängung der Zusammenhänge vollständig gelungen schien. Er hat von seinen Irrtümern gesprochen, wo andere sie verschwiegen haben. Er hat nicht gekuscht: das haben ihm weder die Apparatschiks in der DDR noch die Rechten in der Bundesrepublik Deutschland verziehen. Nach dieser Biographie – seine gesamt Familie wurden in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet -, einer Folge von Niederlagen gegen das falsche Deutschland, nach diesen Exilerfahrungen und Verfolgungen, wie hätte er da irgendwo in Deutschland heimisch werden können? Dennoch hat er nicht kapituliert. Man muss illusionslos leben, sagte er sich in seine Einsamkeit hinein. Und er fuhr fort: „Jeder von uns muss, bei allem, was er tut, allem, was er schreibt und denkt, mit der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit rechnen, dass es à fond perdu getan, gedacht, geschrieben ist. Und er muss es trotzdem tun. Die einzige Hoffnung, die er nähren darf, ist die, dass künftige Geschlechter sich wieder einmal dessen erinnern, das er vielleicht der eine unter tausend sein wird, dessen Handlungen zurückgerufen und als Exempel statuiert werden. Dieser Zufall ist möglich. Mit ihm rechnen darf jeder. Lass uns so leben und sterben, dass diese Chance uns bleibt.“

Im Alter von 79 Jahren starb Alfred Kantorowicz am 27. März 1979. Sein unbequemer Standpunkt des de omnibus dubitandum kostete ihn letzten Endes den hohen Preis, von allen Seiten missdeutet zu werden. Willy Brandt würdigte die Lebensleistung des Verstorbenen mit Worten, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen: „Mit Alfred Kantorowicz hat uns ein bedeutender Schriftsteller und Gelehrter verlassen, den wir noch länger gebraucht hätten. Er war ein unbestechlicher, moralisch empfindender und handelnder Mann. Das wissen nicht nur die, die ihn persönlich kennen gelernt haben,, sondern auch die, die seine Bücher lesen.(...) Ein Mann wie er ist nicht ausgelöscht mit dem Tod. Sein Werk bleibt, und seine Arbeit im Dienst anderer bleibt.“