Sonntag, 30. April

72. Gedenkfeier in Dachau

Der BWV-Bayern nimmt, wie jedes Jahr, an der Kranzniederlegung teil.


Gabriel und Israel

ein kritischer Beitrag



Ab 2017 erscheint FuR nicht mehr als Printausgabe, sondern 
in elektronischer Form. 

Bitte teilen Sie einem der hier angegebenen Kontakte Ihre E-Mail-Adresse mit. 


in FuR 2016 u. a.:

Hans-Jürgen Grasemann
Die Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter

Armin Pfahl Traughber
Hat der islamistische Terrorismus etwas mit dem Islam zu tun?

Gerald Wiemers
Das lange Ringen um Anerkennung (22. Halle-Forum)

Bernd Lippmann
Mit Geheimdienstakten zum Abitur

Bruch, Vertreibung, Neuanfang - aus dem Leben des Orthopäden Ernst Bettmann Drucken E-Mail

von Gerald Wiemers


In seiner Geburtsstadt Leipzig erinnert kein Straßenname und keine Tafel an den großen Orthopäden Ernst Bettmann (1899-1988). In das Bewußtsein haben ihn zwei Frauen gerückt: die Ärztin Uta Hebestreit 1997 mit einem Biogramm und die Historikerin Andrea Lorz 2009 mit einem Aufsatz in der polnischen Zeitschrift „Studia Humanistyczne“. Die Suche nach einem Foto hat Frau Yvonne Stern (Rio de Janeiro) geduldig verfolgt und Dr. Ernst Bettmanns Tochter Susan hat den Wunsch erfüllt.

Als Jude mußte er Deutschland verlassen, etwas später als die meisten anderen, die noch fliehen konnten, weil er nach dem Notabitur an der Thomasschule 1917 noch in den Krieg geschickt wurde und damit als Kriegsteilnehmer galt. 1933 erfolgte der Herauswurf an der Universität Leipzig und zum 1. Mai 1935 erhielt er die „offizielle“ Kündigung. Seine Habilitation hatte sein Gönner, der Ordinarius für Orthopädie Prof. Dr. Franz Schede 1933 noch durchsetzen können, die Entlassung konnte er nicht aufhalten. Bettmann wechselte als ao. Professor und Privatdozent an die orthopädische Privatklinik seines Vaters am Dittrichring 20 a. Die Universitätslaufbahn bleibt ihm verschlossen. Sein jüngerer Bruder Otto (1903-1998), promovierter Historiker, hatte Deutschland bereits verlassen und sich in New York eine Weltkarriere als Starfotograf mit dem Bettmann-Fotoarchiv aufgebaut.

1937 emigriert Ernst Beckmann nach New York. Seine Eltern Hans und Charlotte wollten ihre Heimat zunächst nicht aufgeben, u.a. auch deshalb, weil der Vater Hans schwer erkrankt war. Nach dem Entzug der Approbation am 1. Oktober 1938 gehörte Dr. Hans Bettmann zu den Leipziger jüdischen Ärzten, die als „Krankenbehandler“ oder „Heiler“ ihre jüdischen Patienten weiter betreuen durften. Er musste 1939 seine Klinik und die Wohnung im Dittrichring 20 a aber aufgeben und mit seiner Frau in ein sogenanntes „Judenhaus“ ziehen. Ab 28. März 1939 wohnten sie bis zu ihrer Emigration in der Jacobstraße 11. „Wie lange Dr. Bettmann dort, nicht zuletzt auch infolge seiner fortschreitenden Erkrankung, noch in geringem Maße praktiziert hat, ist nicht bekannt. Es gibt allen Grund zur Annahme, dass er nach Mitte der dreißiger Jahre zumindest die chirurgische Tätigkeit immer mehr einschränken musste. Die sich verstärkenden Strahlenkrebssymptome an den Händen zwangen zur Amputation von vier Fingern“, schreibt Andrea Lorz.

Im Frühjahr 1940 konnte Dr. Hans Bettmann mit seiner Frau Charlotte noch in die USA emigrieren, dank der innerfamiliären Hilfe, die lebensrettend wirkte. „Ernsts Bruder Otto“, berichtet Andrea Lorz weiter, „der 1935 in die USA emigrierte und bereits amerikanischer Staatsbürger war, hatte eine sogenannte Vorzugsquote für die Eltern, deren Einwanderungsangelegenheiten betreffend, bekommen. Das Affidavit kam, wie bei Ernst, von Alfred, dem Neffen aus Cincinatti. Im März 1940 gingen die Bettmanns in Triest an Bord des letzten Schiffes, das noch Auswanderer nach Amerika brachte. Alles was sie hatten, waren zwei Koffer und die Kleidung, die sie auf dem Leib trugen. Im Juli des gleichen Jahres wurde ihnen als Auswanderern übrigens die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.“

Nur zwei Jahre nach der Ankunft in New York starb Dr. Hans Bettmann (1866-1942) an Strahlenkrebs. Hinzu kam, dass er nicht über den Verlust der Heimat und seiner Klinik hinweggekommen ist.

Nach den dunklen Jahren folgten die hellen Jahre, sein „zweites Leben“. Ernst Bettmann gehörte auch an seiner neuen Wirkungsstätte am Yonkers Hospital, White Plains (NY), zu den anerkannten Fachleuten auf dem Gebiet der Orthopädie. Er beherrschte die Sprache und war medizinisch voll ausgebildet. In seinen biographischen Aufzeichnungen heißt es: „... Ich konnte glücklicherweise Anteil nehmen am Nutzen der spektakulären, ungeahnten therapeutischen Möglichkeiten im Allgemeinen und in der orthopädischen Praxis im Besonderen, ... Auf dem Gebiet der Orthopädie war ich Zeuge der verblüffenden Resultate des Gelenkersatzes und der inneren Fixationsmethoden, welche das früher viele Monate lange Verweilen im Krankenhaus und zu Hause in viel kürzere Perioden mit früherer Selbständigkeit, niedrigerer Erkrankungsrate und deutlich höherer Lebenserwartung verwandelten.“

In den USA lernte Ernst Bettmann seine künftige Frau, die Kinderärztin Dr. Hilda Kallberg (1907-1999) kennen. Die gebürtige Wienerin stammte aus einer bekannten jüdischen Familie. Im Oktober 1938 heirateten beide. Zwei Kinder gehörten bald zur Familie: Susan und Michael, der später als Radiologe arbeitete.

Ernst Bettmann starb am 22.September 1988 in White Plains.