| Reichspogromnacht am 9. November 1938 |
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Gedenkveranstaltung im alten Rathaussaal in München „Der 9. November in der deutschen Geschichte“ (vgl. Bernd Faulenbach in: FREIHEIT UND RECHT, Dezember 2003, Ausg. 3/4) löst vier über das 20. Jahrhundert verteilte Erinnerungen aus, wie sie unterschiedlich gar nicht sein können. Die grauenvollste bezieht sich auf das Jahr 1938. Im Verlauf der zurückliegenden sechs Jahrzehnte ist das Gedenken an dieses einschneidende Datum Bestandteil der kulturellen Tradition der bayerischen Landeshauptstadt geworden. Die Redner waren in diesem Jahr Oberbürgermeister Christian Ude, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, sowie der Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau, Max Mannheimer, der auch stellvertretender Vorsitzender des Bundes Widerstand und Verfolgung (BWV-Bayern) ist. Wir dokumentieren die Rede von Max Mannheimer Zwei Vergleiche sind häufig gebraucht worden, um die Bedeutung der Reichspogrom-Nacht, an die wir beute Abend erinnern wollen, innerhalb der Hitlerjahre zu beschreiben. Man hat von einer „Wasserscheide" gesprochen, aber auch von einer „Generalprobe". Beide Sprachbilder passen für den Stellenwert der Geschehnisse in der Nacht vom 9. auf 10. November 1938, die man auch verharmlosend „Kristallnacht" nennt. Es war plötzlich erlaubt, straflos das zu tun, was durch Erziehung und geschichtliche Erfahrung als die niedrigsten menschlichen Instinkte gegolten hatte. Einzelaktionen, Anschläge oder Attentate auf jüdischen Besitz, Gesundheit, Menschenwürde und Leben waren gesetzlich abgesichert, wobei das jeweilige „Gesetz" frisch für die Gelegenheit verabschiedet war. Im nationalsozialistischen Regime wurde die ethisch-humane Lebenseinstellung in ihr Gegenteil verkehrt. Alle Lehren des Guten, der moralischen Werte, der Ethik als die einzig gültige Basis der Gesetzgebung wurden durch eine Lehre des Bösen ersetzt. Die neuen Gesetze hatten die Inhumanität als Ausgangs-, Kern- und Zielpunkt. Vor dem Judenpogrom war die Notwendigkeit zu emigrieren immer dringender geworden. Hinterher wurde die Suche nach einem Zufluchtsort eine Manie. Jetzt galten die Sätze „ganz egal wohin" und „jeder ist sich selbst der Nächste"; doch in den meisten Fällen half auch das nicht mehr. „Vorher" hofften viele noch manchmal auf Sympathie, Mitleid, vielleicht sogar Schutz. Abgesehen vom Ausland, gab es ja schließlich noch in Deutschland selbst alte Sozialisten, Demokraten. Nach dem Judenpogrom standen die meisten ganz allein da, und es gab keine Hoffnung mehr. Vorher" hatten viele Deutsche, darunter sogar Nazis, die neue Ideologie, nach der die Juden Untermenschen waren, sich noch nicht völlig zu eigen gemacht. Diese Leute missbilligten die Judenverfolgung, schämten sich ihrer sogar und vertrauten ihre wahren Gefühle manchmal einem alten jüdischen Freund an. Im Rückblick erkennen wir unsere heutige Situation und müssen feststellen: Der Einsatz traditioneller Feindbilder und Vorurteile hält den alltäglichen Antisemitismus am Leben. Die Tendenz, solches öffentlich zu machen, ist in den letzten Jahren steigend, obwohl gleichzeitig Antisemitismus als individuelle Einstellung, als politisches, kulturelles, soziales Grundmuster in Deutschland scheinbar rückläufig ist. Anders als beim plump, direkt und pauschal artikulierten Antisemitismus vor 1945 sind judenfeindliche Ressentiments aus vielen Gründen schwerer zu erkennen. Das Problem des Antisemitismus im Deutschland der Gegenwart ist vielschichtig und erfordert differenzierte Betrachtung. Antisemitismus dient im Alltag zur Erklärung der Welt, ist ein Verständigungsmittel auf Kosten anderer. Antisemitismus braucht die Aura des Unbestimmten, gedeiht im Geraune, im Dickicht von Andeutung und Vermutung; Antisemitismus ist ausgrenzende Übereinkunft im Ungefähren. Latenter Antisemitismus manifestiert sich im nichtöffentlichen Diskus über eine Minderheit als Chiffre der Verständigung in der Mehrheit. Auf „die Juden" wird Unangenehmes delegiert, das mit ihrer Existenz nichts (oder allenfalls indirekt) zu tun hat: die Last deutscher Geschichte, an die ihre Gegenwart erinnert. Daraus resultieren Gefühle der Beschämung und Unsicherheit, aus denen wiederum Aufbegehren und Schuldzuweisung folgen. Dass „die Juden" keinen Anlass zu diesen Fragen gegeben haben, spielt dabei keine Rolle. Antisemitismus ist kein von Juden verursachtes Phänomen, ist auch nicht Reflex auf jüdische Eigenschaften oder Handlungen. Antisemitismus ist vielmehr ein Symptom für Defekte in der Mehrheitsgesellschaft, oft ausgelöst durch Frustrationen und Ängste, angeregt durch Propaganda und Suggestion, genährt durch Tradition und Verabredung. Geschändete jüdische Friedhöfe, beschmierte Denkmale, Hakenkreuze an Synagogen, anonyme Briefe an prominente Juden, feindselige Artikel in der rechtsradikalen Presse sind Demonstrationen der Ausgrenzung und Ablehnung. Sie werden vielleicht begangen durch wenige Einzelne, die aber mit Beifall für ihr Tun rechnen und ihn auch in größerem Maße finden, als öffentlich wird. Darin liegt das Problem des alltäglichen Antisemitismus, nicht nur in Deutschland. Zum jüdischen Lebensgefühl in Deutschland kommt die besondere Verletzbarkeit durch absichtliche wie unabsichtliche Ausgrenzung und Taktlosigkeit, denen ein Jude in Deutschland ausgesetzt sein kann, und Misstrauen gegen neue Manifestationen von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Sowohl Achtung wie aber auch Verachtung spielt in unserer Gesellschaft eine große Rolle. Es ist schon viel, wenn wir lernen, uns nicht zu verachten. Wenn wir an die Verwüstungen vom 9. November 1938 erinnern, dann sollten wir auch die Verwüstungen in unseren gesellschaftlichen und politischen Beziehungen aufmerksam wahrnehmen und gegen sie ankämpfen. Zur gegenseitigen Achtung gehört, dass wir uns kennen lernen, dass wir voneinander wissen. Nur daraus kann Verständnis und ein menschliches Miteinander zusammengehen. Abschließen möchte ich mit einer Passage aus meinen Erinnerungen, wie ich den Judenpogrom in meiner Heimatstadt erlebte: Gestern brannten die Synagogen. Sie brannten in Deutschland. Sie brannten in Österreich. Sie brannten in einem Teil der Tschechoslowakei. Bestand die Gefahr der Ausdehnung des Feuers, wurden sie durch Sprengungen zerstört. Die meisten jüdischen Geschäfte wurden demoliert. „Meine" Synagoge wurde geplündert. Feuer oder Sprengung wären wegen des schräg gegenüberliegenden Gaskessels gefährlich gewesen. Gebetbücher, Thorarollen und Gebetsschals lagen zerfetzt auf der Straße. Das Buch, das die Juden seit zwei Jahrtausenden in der Zerstreuung zusammenhielt, wurde mit Stiefeln getreten. Die Orgel wird nicht mehr unsere Lieder am Sabbath und an den Feiertagen begleiten. Es wird auch keinen Sabbath, keine Feiertage und keine Lieder mehr geben. Nur zu Hause, solange es noch ein Haus gibt, wird Mutter freitagabends die Sabbath-Lichter anzünden und Vater den Segensspruch über das Brot und über den Wein sprechen. „Lechem min Haaretz. Bore B'ri Hagofen." Und dann wird meine Mutter, wie vorher auch, das in deutsch gedruckte Gebetbuch zur Hand nehmen und die Kapitel „Begrüßung des Sabbath" und „Gebet der jüdischen Frau" still für sich lesen. Die Gebetbücher, Thorarollen und Schals aus der Synagoge wurden auf die Straße geworfen. Morgen werden sie vielleicht aus den Häusern auf die Straße geworfen. Nichts würde sich bei meiner Mutter ändern. Sie hätte ihre Gebete auch ohne Buch gesprochen. Offiziell wird die Zerstörungsaktion der Nazis als spontaner Vergeltungsakt der „kochenden Volksseele" bezeichnet, als Antwort auf die Ermordung des Botschaftsrates vom Rath durch den siebzehnjährigen Herschel Grynszpan in Paris. Dass die Volksseele so gleichmäßig in drei verschiedenen Ländern kochte, war der meisterhaften Organisation der Verantwortlichen zuzuschreiben. Ein offener Polizeiwagen fährt vor unserem Haus vor. Jüdische Männer sitzen auf dem Wagen, bewacht von Schupos in grüner Uniform. Zwei Schupos kommen die Treppe hoch. Meinem Vater wird erklärt, er werde in Schutzhaft genommen, damit ihm nichts passiere. Vermutlich wegen der „kochenden Volksseele". Ich stehe neben der Tür. „Wie alt ist der Bengel?" fragt der Schupo. Mein Herz klopft ganz laut. Hätte Mutter mein richtiges Alter genannt, wäre ich ins Gefängnis mitgenommen worden. Der Schutz kam nicht von der Schutzpolizei, er kam von der Mutter. Erschienen in: FREIHEIT UND RECHT 2005 / 4 |




