Sonntag, 30. April

72. Gedenkfeier in Dachau

Der BWV-Bayern nimmt, wie jedes Jahr, an der Kranzniederlegung teil.


Gabriel und Israel

ein kritischer Beitrag



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in FuR 2016 u. a.:

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Die Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter

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Hat der islamistische Terrorismus etwas mit dem Islam zu tun?

Gerald Wiemers
Das lange Ringen um Anerkennung (22. Halle-Forum)

Bernd Lippmann
Mit Geheimdienstakten zum Abitur

Der „Tag von Leipzig“ – Ein Wunder und ein Grund zum Feiern Drucken E-Mail

von Wolfgang Tiefensee

Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Wenn sich in zwei Jahren die friedliche Revolution in der DDR zum zwanzigsten Mal jährt, dann ist das ein Grund zum Feiern und zum Stolz auf das Erreichte. Wir haben ohne Blutvergießen eine 40 Jahre währende Diktatur beendet und die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes in Freiheit und Demokratie erreicht. Was könnte ein schönerer Anlass zum Feiern sein angesichts der  wechselvollen deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert!

Viele Tage und Einzelereignisse des Herbstes 1989 sind im Gedächtnis geblieben und nichts davon soll in seiner Bedeutung geschmälert werden, wenn ich hier in besonderer Weise an den 9. Oktober erinnere, an den „Tag von Leipzig“. Dieser Tag war einer der wichtigsten Meilensteine zur Entmachtung des SED-Regimes und als solcher ist und bleibt er ein bedeutender Tag in unserer Geschichte. Der gewaltlose Protest hatte die Machtlosigkeit der Herrschenden offen gelegt. Mit dem Ruf „Keine Gewalt!“ und seiner erfolgreichen Umsetzung an diesem 9. Oktober 1989 in Leipzig haben alle, die dabei waren, für eine Sternstunde in der deutschen Freiheits- und Demokratiegeschichte gesorgt.

Es ist oft darüber spekuliert worden, warum an diesem Tag kein Schuss gefallen ist. Schließlich waren die Ereignisse auf dem Pekinger „Platz des himmlischen Friedens“ noch unmittelbar präsent. Vielleicht war es der „Aufruf der Sechs“ oder die „Einsicht“ der Staatsführung, dass das aufgebotene militärische Material nicht ausreichen würde, um die 70.000 zusammengekommenen Demonstranten in Schach zu halten. Für mich bleibt es in jeden Fall auch ein Wunder!

Das alles ist von heute aus gesehen noch gar nicht lange her. Viele der Opfer des Systems, viele Überlebende des politischen Terrors aus den Gefängnissen von Bautzen, Hohenschönhausen oder dem berüchtigten Jugendwerkhof in Torgau leben noch unter uns. Genauso übrigens wie viele der Täter, von den Gefängniswärtern und Stasi-Verhörspezialisten bis hin zu den Verwaltungsmitarbeitern, die die Zersetzungspläne und operativen Maßnahmen erdacht, ausgearbeitet und überwacht haben. Zu den guten Erinnerungen an die erfolgreiche Revolution treten deshalb stets auch die Trauer und die Scham darüber, was Menschen im Namen von Sozialismus und Kommunismus angetan wurde.

Gleichwohl musste der 9. Oktober deshalb kein offizieller (und arbeitsfreier) Feiertag werden. Wir haben in den Monaten vom Herbst 1989 bis zur Wiedervereinigung so viele wichtige Tage, an die es zu erinnern gilt. Da ist vor allem natürlich der 9. November. Mir hat immer ganz besonders der Vergleich mit der biblischen Geschichte des Volkes Israel gefallen, das nach 40jähriger Gefangenschaft vor den Stadtmauern der Stadt Jericho stand. Sieben Mal zogen sie um die Stadt und dann stürzten die unüberwindlichen Mauern ein. Genauso war es bei uns: Nach 40 Jahren Diktatur zogen wir in Leipzig sieben Mal um den Ring und die unüberwindliche Mauer, die die Menschen in Ost und West voneinander trennte, stürzte am 9. November ein.

Wir müssen die Erinnerung an diese großartigen historischen Ereignisse wach halten und weitergeben. Unsere Botschaft lautet, dass der Wille zu Freiheit und Demokratie Berge versetzen und Mauern einreißen kann. Am 9. Oktober 1989 waren Zivilcourage, Mut und Entschlossenheit zum Handeln gefordert. Und der „Tag von Leipzig“ war ein Tag der Tat! Die Zeit war überfällig, den Irrweg der Teilung und der Unterdrückung im Namen einer Ideologie zu beenden und zu überwinden.

Leipzig war der Durchbruch, auch dank der zahllosen mutigen Frauen und Männer, die in Plauen und Dresden, in Berlin und anderswo gegen das SED-Regime demonstriert hatten. Darauf können wir gemeinsam stolz sein. Diese Geschichte ist ein Grund zum Feiern und wir geben diese Erfahrung der jungen Generation mit auf den Weg. Einmal um zu zeigen, dass Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat keine Selbstverständlichkeiten sind und zum anderen, weil dieses Erbe heute Identität stiftend sein kann. „Wir sind das Volk!“ hieß der Ruf in Leipzig. Wir sind es an jedem Tag des Jahres und nicht nur am 9. Oktober.

 

Der Autor, einst Verweigerer des Dienstes mit der Waffe und der „Erwartungen“ des SED-Regimes an die Jugend, betrat 1989 die politische Szene seiner Heimatstadt. Zunächst war er Dezernent der Stadtverwaltung, später Oberbürgermeister von Leipzig. Seit 2005 ist Wolfgang Tiefensee Bundesminister für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung

 

Erschienen in: FREIHEIT UND RECHT  2007 / 3