Sonntag, 30. April

72. Gedenkfeier in Dachau

Der BWV-Bayern nimmt, wie jedes Jahr, an der Kranzniederlegung teil.


Gabriel und Israel

ein kritischer Beitrag



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in FuR 2016 u. a.:

Hans-Jürgen Grasemann
Die Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter

Armin Pfahl Traughber
Hat der islamistische Terrorismus etwas mit dem Islam zu tun?

Gerald Wiemers
Das lange Ringen um Anerkennung (22. Halle-Forum)

Bernd Lippmann
Mit Geheimdienstakten zum Abitur

Erinnerungsarbeit als Zukunftssicherung der Demokratie Drucken E-Mail

Plädoyer für ein neues Denken

Von Hans-Jürgen Grasemann


Demokratie braucht Demokraten, heißt es zu Recht. Demokratie braucht aber auch ein Gedächtnis, ein Erinnern an die Diktaturen in Deutschland. Sie braucht Stätten, die Authentizität atmen, und Symbole, die im öffentlichen Bewusstsein verankert sind.

Von Zeitzeugen, die Auskunft über die Verbrechen des Nationalsozialismus geben können, müssen wir zunehmend Abschied nehmen. Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren - nicht zuletzt auch die Medien - sind deshalb für die Erinnerung an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft von zentraler Bedeutung. Sie sind zwar im Idealfall "begehbare Geschichtsbücher". Anders als Zeitzeugen können sie jedoch nicht vermitteln, was Hunger heißt. In einer Ausstellung kann man das schreckliche Gefühl, wenn man so unvorstellbar abmagert, dass man zusammenbricht und keinen Lebensmut mehr hat, ebensowenig darstellen wie man den Gestank einfangen kann, der in einem Lagersaal von 35 Metern Länge und 15 Metern Breite bei einer Belegung mit 400 Gefangenen und 5 Primitivtoiletten und Blenden vor den Fenstern entsteht.

Überlebende von Lagern und Haftanstalten in der NS-Zeit und danach in den sowjetischen Speziallagern haben ihr Martyrium nach ihrer Befreiung als Aufgabe verstanden, Zeugnis abzulegen, zunächst - nicht immer mit Gehör - gegenüber der Mehrheit von Menschen, die nicht gelitten haben, schließlich aber gegenüber den Nachgeborenen, für die sie als Kronzeugen gegen Unmenschlichkeit und Vernichtung so wichtig sind.

Obwohl "Oral History" seit langem ein wesentlicher und anerkannter Bestandteil der Geschichtswissenschaft ist, kommt es immer mal wieder zu einer Spannung zwischen Zeitzeugen und Historikern. So haben Geschichtswissenschaftler schon mal zugespitzt formuliert, dass der Zeitzeuge der ärgste Feind des Historikers sei. Zwar kann dieser in der Regel besser als der Zeitzeuge Vorgänge in große Zusammenhänge und Entwicklungslinien einordnen, doch berührt dies die Glaubwürdigkeit des Zeitzeugen nicht. Denn sein Zeugnis enthält eine Wahrheit, die ein Historiker kaum erreichen kann.

Berichte von Zeitzeugen sind auch nach dem Ende des SED-Regimes gefragt. Den meisten ehemaligen politischen Häftlingen der SBZ/DDR ist es ein Anliegen, ihre politische Verfolgung vor allem der Generation schildern zu können, die die DDR und die deutsche Teilung nicht erlebt hat. Dabei bedrückt es sie mehr als andere, dass das Grundwissen vieler junger (aber auch älterer im Westen) Deutscher wenig ausgeprägt ist. Sie beklagen fehlendes Sachwissen und Klischeebilder, die eine völlige Fehleinschätzung und sozialromantische Verklärung des untergegangenen SED-Staates bewirken. Jüngste wissenschaftlichen Untersuchungen haben in der Tat bestätigt, wie wenig jungen Deutschen der menschenverachtende Diktaturcharakter der DDR präsent ist.

Wo politische Bildung jetzt ansetzen muss, zeigen Aussagen von Jugendlichen, die alarmierend sind. Da wird Erich Mielke für einen Schriftsteller gehalten und Helmut Kohl findet sich als DDR-Politiker wieder. Die DDR wird nicht als Diktatur eingestuft. Sie sei eine Demokratie gewesen, weil ihr Name ja "Deutsche Demokratische Republik" gewesen sei. Vielen Schülern ist unbekannt, dass es in diesem Staat keine freien und demokratischen Wahlen gegeben hat.

Zu fordern ist deshalb eine aktive, verantwortungsvolle Erinnerungskultur, ein lebendiger Geschichtsunterricht, der Besuch von Gedenkstätten und die Einladung von Zeitzeugen und Wissenschaftlern. Dies würde das Unterrichtsangebot enorm bereichern. Es muss unser Beitrag sein, der jungen Generation den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie zu verdeutlichen und sie für neu aufkommende extremistische und totalitäre Entwicklungen zu sensibilisieren. Dabei dürfen wir uns nicht nur auf die Stasi-Organe und ihr Wirken beschränken. Wir müssen auch den Alltag in der Diktatur darstellen. Joachim Gauck und Stefan Wolle haben in ihren Publikationen und in unzähligen Veranstaltungen unter Beweis gestellt, wie die Schilderung von Beispielen insbesondere auf Menschen wirkt, die nicht "gelernte DDR-Bürger" waren.

Freya Klier hat treffend gefordert, die Zehn Gebote müssten um ein elftes ergänzt werden: "Du sollst nicht vergessen." Sie hat damit gewiss nicht jene gemeint, die Widerstand geleistet haben oder auf andere Weise zum Opfer staatlicher Willkür geworden ist, sondern alle Deutschen. Für manchen hat seine Leidensszeit heute den Sinn, seine Erfahrungen weiter zu geben. Vielleicht weckt er bei den unbeschwert aufwachsenden Jugendlichen das Bewusstsein, dass die Vergangenheit sie doch mehr berührt, als sie zuvor gedacht haben.

Weil mit jedem Tag die Zahl derer größer wird, die keine biografische Erfahrung mehr mit der deutschen Teilung und der SED-Diktatur haben, müssen die Lehrpläne in den Schulen und die Angebote der politischen Bildungsarbeit reagieren. Die Erfahrungen zeigen, dass Schüler durchaus mit Betroffenen gemeinsam trauern, wenn sie sie und ihr Schicksal persönlich kennen lernen. In einer berührenden Fernsehdokumentation hat eine Auschwitz-Überlebende Mädchen und Jungen aus mehreren Nationen an jenem Ort im Lager berichtet, wie sie als junge Frau ein Mädchen geboren hat, das alsbald als "Objekt medizinischer Untersuchungen" getötet wurde. Man konnte spüren, dass die Tränen der Jugendlichen dieser Frau gut getan haben. Dass die jungen Menschen, die ihre Enkel sein könnten, ihr zuhören und mit ihr fühlen, hat ihre Erstarrung erkennbar gelöst.

Die Dimension der Unmenschlichkeit eines Unrechtssystems erschließt sich für viele erst durch konkrete Einzelschicksale. Begegnungen in der Schule oder auf Seminaren der politischen Bildungsarbeit bedeuten für ehemalige politische Häftlinge oftmals gesellschaftliche und öffentliche Anerkennung, die sie für vieles entschädigt.

Wir sollten uns von der abstrakten Opferpädagogik, die mit "Zahlenfriedhöfen" einhergeht, verabschieden, weil der Terror in der Anonymität des kollektiven Leidens nicht mehr sichtbar wird. Was gefragt ist, ist "Personalisierung" von unten, nämlich die Hinwendung zu einzelnen biografischen Schicksalen, aber auch zur Alltags- und Lokalgeschichte.

Welche Verstärkerfunktion Spielfilmen zukommen kann, die Opfern und Tätern Namen und Gesichter geben, haben die Hollywood-Produktion "Holocaust" und Steven Spielbergs preisgekröntes Werk "Schindlers Liste" bewiesen. Auch Michael Verhoevens Film "Die Weisse Rose", Rolf Schübels erschütternder Dokumentarspielfilm "Das Heimweh des Walerjan Wrobel" und die großen Fernsehproduktionen von Eberhard Fechner auf der Grundlage der Romane von Walter Kempowski gehören zu jenen Medienereignissen, die ein hohes Maß an Wirkung bei Zuschauern sowohl im emotionalen wie auch im Einstellungsbereich erzeugt haben.

Zuletzt haben die Filme "Sophie Scholl - Die letzten Tage", "Auf Wiedersehen Kinder!", "Das Leben der Anderen", "Todesautomatik", "Die Frau vom Checkpoint Charlie", "Das Wunder von Berlin" und die unterschiedlichsten Darstellungen über die Verschwörer des 20. Juli sowie unzählige Fernsehdokumentationen eine breite Öffentlichkeit erreicht und bestimmt manchen zu weiterführender Lektüre veranlasst.

Vor begrenzter Öffentlichkeit können Zeitzeugenauftritte von Opfern politischer Gewaltherrschaft eine ähnliche Wirkung entfalten. Ein solcher pädagogischer Diskurs mit lebendigen Geschichtsquellen wird dann zu mehr als nur Kurzzeiteffekten führen, wenn bedacht wird, dass "Vergangenheitsaufarbeitung" aus der Sicht eines Opfers eine andere Qualität besitzt als aus der Sicht der heutigen Jugendgeneration.

Die Auswertung von Besuchen in Gedenkstätten belegt seit langer Zeit, mit welch nachhaltigen Eindrücken junge Menschen diese Orte verlassen. Was sie in den MfS-Haftanstalten in Hohenschönhausen, Magdeburg, Halle und Bautzen, in der Grenzübergangsstelle Marienborn, in den Gedenkstätten im Bendlerblock und in Plötzensee, in Buchenwald, Sachsenhausen, Dachau und Bergen-Belsen, um nur einige zu nennen, gesehen und gehört haben, bleibt ihnen lange im Gedächtnis.

Mit Genugtuung können wir 20 Jahre nach der Wiedervereinigung feststellen, dass trotz vielstimmiger Kritik die Geschichte der beiden deutschen Diktaturen kontinuierlich und auf vielfältige Weise in Deutschland wach gehalten wird. Zahlreiche Gedenkstätten, Forschungs- und Bildungsarbeit und die Einbeziehung von Zeitzeugen sind Beleg für unser Bemühen um "demokratische Erinnerungskultur". Geleistet wird dabei nicht allein Geschichtsarbeit, sondern auch und gerade Demokratiebildung. Auch um unser aller selbst und um unserer freiheitlichen Ordnung willen werden wir an die Vergangenheit und die sie bestimmenden Unrechtssysteme erinnert. Wir müssen alles dafür geben, dass die Feinde der Demokratie in Deutschland nicht wieder die Oberhand bekommen. Wir haben gelernt, dass es zu spät ist, wenn ein totalitäres System seine Macht etabliert hat. Schon deshalb bleibt die Aufarbeitung der beiden Diktaturen auf der Tagesordnung. "Nur jene Erinnerung ist fruchtbar, die zugleich daran erinnert, was alles noch zu tun ist", hat Ernst Bloch einst gemahnt.

"Alles, was ich tue in diesen Jahrzehnten an Aufklärung, zielt auf diesen Punkt ab: Passt auf, dass wir das, was wir hier haben, erhalten: dass ich hier angstfrei zu euch sprechen kann und ihr angstfrei zu mir sprechen könnt. Allen, die das antasten wollen, denen haut auf die Finger", lautet Ralph Giordanos Appell an seine deutschen Mitbürger. Er weiß, dass Erinnerungsarbeit Zukunftssicherung der Demokratie ist und das Gedenken an die Diktaturopfer ihr politisches Engagement für Freiheit und Recht fortsetzt.


Erschienen in FREIHEIT UND RECHT 2010 / 1