Max Mannheimer 
 
Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz und Dachau,
Gründungsmitglied und Ehrenvorsitzender des BWV-Bayern

 ist am 23. September 2016 im Alter von 96 Jahren gestorben





Die Ausgabe FuR 2016 ist erschienen.

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in FuR 2016 u. a.:

Hans-Jürgen Grasemann
Die Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter

Armin Pfahl Traughber
Hat der islamistische Terrorismus etwas mit dem Islam zu tun?

Gerald Wiemers
Das lange Ringen um Anerkennung (22. Halle-Forum)

Bernd Lippmann
Mit Geheimdienstakten zum Abitur

Spät kommt ihr, doch ihr kommt. Drucken E-Mail


Von Erich Loest


Als der Schriftsteller Gerhard Zwerenz 1957, gejagt vom Leipziger SED-Chef Paul Fröhlich, um dem Zuchthaus zu entgehen in die Bundesrepublik flüchtete, empfingen ihn Weggefährten, die sich vom Marxismus gelöst hatten - die Altgläubigen nannten sie Renegaten - , unter ihnen Wolfgang Leonhard, von dem «Die Revolution entlässt ihre Kinder" stammte, mit den Worten: „Du kommst spät, aber du kommst."

Als ich zwei Jahre später im Zuchthaus Bautzen II eintraf, verbreitete sich Freude im Haus: Jetzt ist der Mann, der „Die Westmark fällt weiter" geschrieben hat, endlich auf die Schnauze gefallen. Nach und nach setzte sich die Meinung durch: „Der Erich hat endlich begriffen, es wurde auch Zeit.“

Seitdem hat sich meine Ablehnung des Marxismus-Leninismus nicht geändert. Auf einer SPD-Tagung 1985 in Bonn, die von Peter Glotz geleitet wurde, waren sich alle einig: Wir sind keine Antikommunisten, wie denn das aber auch! Als letzter sprach ich: „Wer mich zum Feind erklärt, muss damit rechnen, von mir als Feind behandelt zu werden.“ Mein Antrag, in die SPD aufgenommen zu werden, versickerte danach; das sollte sich zweimal wiederholen.

Die Bundesrepublik hatte mich willkommen geheißen. Als ich wenig über meine Haft und ihre Gründe nachweisen konnte, verwies ich auf die Arbeiten von Karl-Wilhelm Fricke, meinem Vorgänger in Bautzen und als Ausgezeichneter mit diesem Preis, und alles kam ins Lot. Ich geriet unter linke Lehrer und Autoren, die mir profund erklärten, wie es in der DDR zuginge und mich baten, nicht auf Beifall von der falschen Seite zu setzen, das seien CDU und Springer. Ich erwiderte, dann hätte ich ja gleich in der DDR bleiben können.

Meine Jahre in der Bundesrepublik gehören zu den besten meines Lebens. Verlage und Redaktionen des Rundfunks und des Fernsehens unterstützten mich. Zensur fand nicht statt, das Goethe-Institut schickte mich in die Welt, ich las in allen größeren deutschen Städten außer Passau und in vielen kleinen und in Dörfern auch. Ich verdiente gut, Preise blieben nicht aus. Aber immer wieder, vorzüglich im Schriftstellerverband, stieß ich auf Misstrauen. Die Hoffnung auf revolutionäre Beseitigung des Kapitalismus lebte weiter natürlich in der KPD und schwelend auch in Teilen der SPD. Die Kontakte maßgeblicher Verbandsfunktionäre zu Kant und Hermlin in Ostberlin waren eng, wenn nicht herzlich, der Austritt von Reiner Kunze wurde in Kauf genommen. In der Einschätzung der polnischen Gewerkschaft „Solidarität" schieden sich die Geister, für uns war sie lang erhoffter Aufbruch gegen die Diktatur, für andere katholische Konterrevolution, wenn nicht gar eine neue SA. Nach einem Kongress 1984 in Saarbrücken, als Schlammschlacht in die Verbandsgeschichte eingegangen, waren die Fronten klar. Alle wollten friedlichen Ausgleich, die östliche Seite allerdings ohne Thematisierung von Menschenrechten. Es galt auch in der großen Politik nicht mehr als fein, von Diktatur in der DDR und Stasiwillkür zu reden. Immer mehr Schriftsteller kehrten dem Verband den Rücken, darunter fast alle Westberliner.

Honecker bereiste die Bundesrepublik, allerhand Zeitungen nannten ihn einen großen deutschen Patrioten. Herzlichster Empfang an der Saar durch Oskar, der röteste aller Teppiche wurde durch Franz Joseph in München ausgerollt. In diesen Tagen fiel bei mir das Telefon aus wie auch bei Biermann, Kunert, Kunze, Zwerenz, Schacht, Giordano, Hans Christoph Buch, Jürgen Fuchs und Peter Schneider. Nachdem Honecker fort war, renkte es sich wieder ein, was für ein Zufall aber auch. Wir dürfen nicht unterschlagen: Alle Bemühungen bundesdeutscher Politiker damals, das Verhältnis zur DDR zu entkrampfen, dienten der Absicht, den kalten nicht in einen heißen Krieg umschlagen zu lassen. Dabei kam es zu persönlichen Kontakten, die, losgelöst, heute wie Anbiederung ausschauen. Die Wandlung durch Annäherung fand auch mal bei Wodka und Whisky statt. Wir Dissidenten passten nicht in dieses Gefüge, es wäre aber übertrieben, uns Bauernopfer zu nennen. Wir waren, um im Bild des Schachspiels zu bleiben, Bauern, die isoliert am Rande ausharrten. Einmal traf ich Gerhard Löwenthal, den einzigen, der noch gegen Mauer und Stacheldraht anging. Heiter grüßte ich: „Na, Sie kalter Krieger?" Er freute sich sehr.

Dann sackte der kommunistische Block stinkend und staubend in sich zusammen. Auf einmal waren wir die, die immer recht gehabt hatten und mussten aufpassen, nicht als Sieger der Geschichte aufzutreten. Wie Hans Modrow im Dezember 1989 sogar das Neue Forum für seine Zwecke einspannte, den Staat opferte und seine Partei erhielt, wird in allen Nuancen noch zu erforschen sein. Meine bemerkenswerte Erzählung „Hans und Bärbel“ darf dabei gern genutzt werden. Meine Damen und Herren vom heute mich preisenden Förderverein, hier eröffnet sich für Sie und ihre Freunde ein weites, lohnendes Tätigkeitsfeld.

Ich kehrte nach Leipzig zurück und begegnete den alten Konflikten in nicht erwartet zäher Form. Die Akten der Staatssicherheit kamen ans Licht, wie ein Sturzbach rissen sie alte Vorstellungen davon, schmerzend und erhellend zugleich, Lebensläufe und Freundschaften gerieten in teils vernichtende Strudel. Tröstlich: Keiner der Dissidenten war Spitzel gewesen. Die PDS, ausgestattet mit beherzten Kadern und sehr viel Geld, erreichte bisweilen mehr als zwanzig Prozent der Wählerstimmen, in manchen Bereichen, so anfangs bei den Thomanern, unter Lehrern und beharrlich an der Universität, wirkte der revolutionäre Geist teils offen, teils verborgen und verbissen weiter. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung, Editionen in Berlin um den Eulenspiegel-Verlag, die marxistische Zeitung Junge Welt", die im Sinne alter vermuteter Klassenkampfgesetze von der „Konterrevolution von 1989" spricht, sind in unserer Demokratie erlaubt. Mir ist es gestattet, dagegen anzugehen.

Der erste Wirbel, in den ich geriet, war der um den Wiederaufbau der Universitätskirche, deren Sprengung von Ulbricht und Fröhlich befohlen worden war. Die Gegner setzten sich durch. Als in Dresden die neuerbaute Frauenkirche geweiht wurde, hing an der Leipziger Universität ein Lappen mit dem Text: „Leipzig ist nicht Dresden, Gott sei Dank.“ Weder der Rektor noch der Senat, vom Studentenrat zu schweigen, weder der Oberbürgermeister oder Vertreter von Kirchen, CDU oder SPD lehnten sich auf. Ich war ohnmächtig und litt wie ein Hund.

Der Chefredakteur einer Leipziger Tageszeitung lud mich zum Kennenlernbier. Ich bot ihm die Namen aller Stasispitzel in seiner Redaktion an - sie waren mir zugespielt worden, wie es listig heißt. Er wollte nichts wissen, seine Tschekisten blieben.

An der Frontseite der Universität ragte ein Bronzerelief, Karl Marx und den Seinen gewidmet, es wurde besonders vom Rektor Franz Häuser zäh verteidigt. Ich schrieb und redete dagegen an, fand zeitweise Verbündete, und unterlag. In letzter Minute vor dem Abriss des Universitäts-Plattenbaus wurde das Monstrum zerschnitten, eingelagert und später in einem Winkel des Universitätsgeländes wieder aufgestellt Das Geld dafür, 300 000 Euro, stammte von der Landesregierung, Ministerin Stange hatte es bewilligt. In diesem Hinterhof wirkt es heute wie ein gestrandetes Fabelwesen aus vergangener Zeit.

Ein Museum verwahrt das Riesenbild von Werner Tübke „Arbeiterklasse und Intelligenz." Es stammt aus den siebziger Jahren und hatte im Universitätshauptgebäude gehangen. Weithin galt es aus große, reine Kunst, ein Wissenschaftler vom Main ernannte es zum bedeutendsten Kunstwerk des 20. Jahrhunderts. Ich mühte mich zu erklären, was keiner sah oder sehen wollte: Der Sieg des Marxismus über den bürgerlichen humanistischen Geist an der Leipziger Universität bildete das Thema, das Christenkreuz fand Entsorgung und Kirchensprenger Paul Fröhlich seinen ehrenden Platz. Ich redete, schrieb und scheiterte. Nach heutigem Stand soll die Malerei auch im neuen Gebäude seinen Platz finden.

Wenn schon, dachte ich, weiterhin der Sieg des Sozialismus gepriesen wird, sollte auch den Opfern Respekt erwiesen werden. Lange suchte ich nach einem Maler, der dies auf sich nehmen wollte, und fand ihn in Reinhold Minkewitz. Wir verabredeten ein Bild mit Porträts des Studenten Werner Ihmels, der im Zuchthaus starb, von Studentenpfarrer Siegfried Schmutzler und Studentenratsvorsitzenden Wolfgang Natonek, die zu langen Haftstrafen verurteilt wurden, und den Professoren Hans Mayer und Ernst Bloch, deren Lehrmeinungen nicht ins ulbrichtsche Schema passten und die von der Uni weichen mussten.

Das Gemälde hing vier Monate lang in der Galerie von Klaus Eberhardt und stand eben so lange bei mir im Keller, niemand in Leipzig wollte es haben. Da übergab ich es dem Museum meiner Heimatstadt Mittweida. Eine zweite, größere Fassung bot ich der Leipziger Medienstiftung an und musste länger als zwei Jahre warten, ehe mein Geschenk angenommen wurde. Jetzt besteht Aussicht, das Ziel zu erreichen: Die Malerei „Aufrecht stehen“, ergänzt durch das Porträt von Herbert Belter, den das NKWD in Moskau erschoss und von dem wir bisher wenig wussten, findet Platz im Neubau der Universität am Augustusplatz.

Ich stelle mir vor, wie bei der Einweihung einige neben der klugen Rektorin Beate Schücking, Minkewitz und mir sitzen werden, die sich einst heimlich oder offen gegen unser Vorhaben stemmten und sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern können. Ich hoffe, vermutlich vergeblich, dass ich dann nicht denke: Spät kommt ihr, aber ihr kommt.