Sonntag, 30. April

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Jorge Semprún – Schriftsteller, Widerständskämpfer, Gegner beider Totalitarismen


Von Martin Rooney

Schreiben ist für den spanischen Schriftsteller Jorge Semprún stets Erinnern. Fast alle seine Romane und Filmdrehbücher, die er großenteils auf französisch schrieb, tragen unverkennbar autobiographische Züge. Zwei Obsessionen sind es, um die sie kreisen: das KZ Buchenwald überlebt und dem Stalinismus gedient zu haben. Das eine bleibt unerklärlich, das andere unverzeihlich. Schreiben oder leben – das ist eine Frage, die sich Semprún oft stellen musste. Viele Jahre ließ ihm sein aktives und gefahrenreiches Leben keine Zeit zum Schreiben: in der französischen Résistance, im Konzentrationslager Buchenwald, aber auch im spanischen Untergrund während der Franco-Diktatur. Manchmal musste er schreiben, um leben zu können, als die Erinnerung an Buchenwald ihn zu sehr bedrängte, oder als er 1964 aus der Kommunistischen Partei Spaniens ausgeschlossen wurde. Wenn man Sempruns Vita betrachtet, werden Standort und Schreibmotivationen des Schriftstellers nachvollziehbar.

Jorge Semprún wurde am 10. Dezember 1923 in Madrid geboren. Er stammt aus großbürgerlich-aristokratischen Verhältnissen, sein Großvater war lange Jahre, in der Monarchie, spanischer Ministerpräsident. Sein Onkel, der Bruder der Mutter, wurde 1931 aus dem Gefängnis entlassen und noch am gleichen Tag zum Minister der republikanischen Regierung ernannt. Sein Vater war Katholik, Juraprofessor, Zivilgouverneur und späterer republikanischer Diplomat, der 1936, kurz nach Ausbruch des Bürgerkriegs, mit der Familie ins Exil gehen musste. Seine Mutter stammte aus einer hochangesehenen, einflussreichen spanischen Familie, verstarb aber, als ihr Sohn erst acht Jahre alt war. Das soziale Privileg seiner großbürgerlichen Herkunft erlaubte Jorge Semprún, sich von Kindheit an eine umfassende humanistische Bildung anzueignen. Ein deutsches Kindermädchen hat ihn früh Deutsch lernen lassen, so dass er nicht nur Hölderlin, Heine und Goethe, sondern auch, als Schüler und Philosophiestudent in Paris, Husserl und Heidegger, Hegel und Marx im Original lesen konnte – von der französischen Literatur ganz abgesehen. Als mittelloser Gymnasiast verbrachte Semprún die drei Sommer bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Pariser Exil. Von einer Bäckersfrau wegen seines spanischen Akzentes verlacht, lernte er innerhalb weniger Wochen ununterscheidbar gut Französisch sprechen. Die Literatur Frankreichs wird dem ernsten jungen Mann zur zweiten Heimat. Seine Lehrmeister sind Rimbaud, Gide, und immer wieder Charles Baudelaire. Die Gedichte Baudelaires im Kopf und einen gestohlenen Baedecker unter dem Arm, erkundete er die Stadt Paris und erlag ihren Lockungen und Verführungen. Die Sommer des jungen Jorge Semprún waren kurz, überschattet von den Dramen der Zeit. Sie hinterließen einen Menschen, der letztlich doch immer und überall ein Fremder bleiben wird. Über seinen Bildungsweg bekannte Semprún einmal:

„Eine starke, leidenschaftliche Beziehung verbindet mich mit der deutschen Kultur, sie hat meinen intellektuellen Charakter geprägt. In ihr habe ich die entscheidenden Argumente des Kampfes gegen den Nazismus gefunden. Bei der Lektüre der deutschen Autoren habe ich die Waffen der Kritik gefunden, die mir dann ermöglichten, den Nazismus mittels der Kritik der Waffen zu bekämpfen.“

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Paris schloss er sich der Résistance an und wurde Mitglied der spanischen Exil-KP. Die Moskauer Schauprozesse, Trotzki, der 1940 im mexikanischen Exil von einem NKWD-Agenten mit einem Eispickel erschlagen wurde: das kümmerte Semprún unter der Herrschaft der deutschen Besatzung nicht. Er war eben achtzehn Jahre alt geworden, hatte Luft unter den Flügeln und wollte die Welt verändern. Der Feind war der Faschismus. Hitler und Franco musste man bekämpfen. Unter dem Decknamen Gérard Sorel kämpfte er gegen die deutschen Besatzer, bis er im Herbst 1943 der Gestapo in die Hände fiel. Er wurde in Auxerre gefoltert und Anfang Januar 1944 nach Buchenwald deportiert. Dort rettete ihm der Marxismus das Leben. Als Mitglied der kommunistischen Selbstverwaltung überlebte der Häftling Nr. 44904 das KZ Buchenwald. Offiziell bestand seine Aufgabe darin, die Kartei der Lagerinsassen zu verwalten und die Häftlingslisten für die Arbeitskommandos außerhalb des Stammlagers zusammenzustellen. Nach der Befreiung des KZ Buchenwald durch die Amerikaner kehrte der Kommunist Semprún 1945 nach Paris zurück, wo er sich zunächst in den Kreisen der illustren Pariser Künstler, Schriftsteller und Philosophen umtat und später bei der UNESCO eine Anstellung als Übersetzer fand. Seit Semprún aus Buchenwald nach Paris zurückgekehrt war, musste er auch mit den Alpträumen zurechtkommen, die ihn künftig und viele Jahre lang heimsuchen sollten. Die Alpträume, die er im Lager nie gehabt hatte, bedrängten ihn. Sie wurden zuverlässige Begleiter seines Lebens als Überlebender. Als Santiago Carrillos junger Protégé koordinierte er ab 1953 im Auftrag der spanischen Exil-KP den Widerstand gegen das Franco-Regime. Er pendelte zwischen Paris und Madrid mit gefälschten Pässen, schmuggelte illegales Material in Koffern und Reisenecessaires über die Grenze. Es gab, hatte der aufstrebende Parteifunktionär sehr schnell schon im KZ gelernt, zwei Wahrheiten, eine komplexe und eine für die ungebildeten Genossen. Semprún, der in der marxistischen Literatur zu Hause war, richtete sich ein mit einem gespaltenen Bewusstsein. Für die meisten anderen Mitglieder des ZK und des Politbüros hatte Semprún nicht viel übrig. Er fand sie rigide, dogmatisch, langweilig. Er meinte damals, im Dienst am Proletariat und an der Revolution am besten zu arbeiten, wenn er mit seinen Ansichten hinterm Berg hielt. Unter den Decknamen Rafael Artigas, Agustín Larrea, Ramón Barreto, Rafael Bustamonte und Camille Salignac reiste er als Kontaktmann der spanischen Exil-KP nach Madrid. Ab 1957 leitete er unter dem Decknamen Federico Sánchez die KP-Untergrundarbeit und war der meistgesuchte Mann in Spanien. Er war aber kein professioneller Agent, sondern ein Intellektueller und ein Spieler. Er beobachtete gern sich selbst und fand amüsant, was seine Untergrundtätigkeiten an merkwürdigen Begleitumständen mit sich brachten. Das Doppelspiel, die Camouflage, die Maskierung: Semprún hat nie ein Hehl daraus gemacht, das all das ihm ein Heidenvergnügen bereitet hat, trotz oder wegen der Gefahren, die damit verbunden waren. Seine Arbeit als kommunistischer Antifranquist im Untergrund war wohl die ernsthafteste Spielerei, die ein Mensch betreiben kann. Es war ein Leben im als ob, das mit dem Tod hätte enden können. In “Federico Sánchez. Eine Autobiographie“(1977) hat er geschrieben, er habe erst in der Illegalität zu seiner wahren Identität gefunden. Während einer aufgrund von zahlreichen Verhaftungen durch Francos Brigada Politico-Social erzwungenen Ruhephase brach sich das Verdrängte nach all den Jahren wie eine Sturzflut Bahn. In nur drei Wochen schrieb er 1961 in seinem Madrider Versteck „Die große Reise“. Der 1963 erschienene Roman berichtet von der fünf Tage dauernden Deportation von Frankreich nach Buchenwald in einem überfüllten Viehwagen. Die Brutalität des Transports, den nicht alle Deportierten überleben, kontrastiert Semprún eindrucksvoll mit der bloß schemenhaft wahrgenommenen Schönheit der durchfahrenen deutschen Landschaft. Der Roman ist auch eine Reise in die vielfältigen Schichten der Vergangenheit des Erzählers, die sich assoziativ, nicht chronologisch erschließen: die frühen Tage des Lesens in der Buchhandlung Nijhoff in Den Haag, die intensive Marx- und Hegellektüre im Kreis gleichgesinnter Pariser Gymnasiasten und Studenten, die den geistigen Boden für den wenig später aufgenommenen Kampf gegen die deutschen Besatzer bereitet. Semprún hat mit diesem Debüt sein Thema und seine Form gefunden: die brüderliche Gemeinschaft der Erschlagenen und Verratenen. Der Autor ist noch als parteitreuer Kommunist davon überzeugt, auf der Seite des Guten zu stehen. Noch während sich „Die große Reise“ im Druck befand, las Semprún Solschenizyns Gulag-Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“. Bestürzt durch diese Lektüre, begann er, sich über das ganze Ausmaß der kommunistischen Verbrechen Gedanken zu machen. Im Frühjahr 1964 wurde das ZK-Mitglied Semprún, besser Federico Sánchez, auf Weisung von Santiago Carrillo wegen „parteifeindlicher Thesen“ aus der spanischen KP ausgeschlossen: auf einem Schloss in der Nähe von Prag, wie der Kafka-Kenner Semprún nicht ohne Ironie erwähnt. Der exkommunizierte Semprún konnte sich in seine lebenslange Zweitheimat Paris absetzen, sein Nachfolger in der spanischen KP, Julián Grimau, wurde von Francos Polizei schnell gefasst, schrecklich gefoltert und in einem Madrider Vorort hingerichtet.

Mit der Lösung von der kommunistischen Partei beginnt die eigentliche schriftstellerische Produktivität Semprúns. Während der mehr als zwei Jahrzehnte, in denen Semprún sich erst von der Partei und dann vom Kommunismus verabschiedete, blieben ihm immer noch die Philosophie, die Poesie, die Künste, er musste keineswegs in einer intellektuellen Wüste verkümmern. Kaum ein Schriftsteller hat so überzeugend über die beiden Totalitarismen des 20. Jahrhunderts schreiben können wie Semprún, der in den folgenden Jahrzehnten zu einem der großen europäischen Intellektuellen wird. Für ihn war das Schreiben aus der Erinnerung an das Erlebte genauso wichtig wie die Erlebnisse selbst. Im Kampf der Erinnerung gegen das Vergessen sieht er auch den Kampf des Menschen gegen die Macht. Deshalb glaubt er, dass die Kunst dazu berufen sei, das besondere Böse des Lagersystems zu zeigen. Vom Lager müssen Geschichten erzählt werden, die gerade in ihrer kunstvollen Verschränkung auf einzelne Figuren und einzelne Ereignisse über die simple Verallgemeinerung hinausgehen. Die Radikalität seines Eintretens für die authentische Erinnerung und gegen das ideologische Gedächtnis machte ihn - wie zuvor Arthur Koestler, Margarete Buber-Neumann, Manès Sperber, Hans Sahl oder Ralph Giordano – zu einem Outcast für die orthodoxe Linke. Lassen wir also seinen weiteren Weg als freier Schriftsteller in Paris Revue passieren.

Als Fortsetzung der „Großen Reise“ erschien 1967 der zunächst wenig beachtete Roman „Die Ohnmacht“, ein raffiniertes Erinnerungspuzzle. Aus tiefster Bewusstlosigkeit erwacht, tastet Manuel, alter ego des Autors, nach seiner Autobiographie. Hinter ihm liegen Gestapo-Folter und Buchenwald, die sich Manuel ins Gedächtnis zurückzurufen sucht, vor ihm Jahre des Kampfes gegen Franco im Untergrund, von denen der Leser aus dem Bericht eines Erzählers erfährt. Außerdem betätigte sich Semprún als Drehbuchautor und leistete somit einen Beitrag zu mehreren berühmt gewordenen politischen Filmen, zu Alain Resnais „Der Krieg ist vorbei“ (1966), zu Costa Gavras „Z“ (1968) und „Das Geständnis“ (1970). Von dieser Zeit datiert auch seine Zusammenarbeit mit Yves Montand und Simone Signoret. Sein nächstes Buch, „Der zweite Tod des Ramon Mercader“ (1969) bettete die Figur des von Stalin gedungenen Trotzki-Mörders in eine phantastische Geheimdienst- und Agentengeschichte ein.

 

1977 folgte der erste Band von Semprúns politischer Autobiographie „Federico Sanchez“, übrigens das erste Buch, das er auf spanisch schrieb. Hier schonte der Exkommunist Semprún, der selbst als gläubiger Nomenklaturkader einst Hymnen auf Stalin und auf die legendäre spanische Kommunistin Dolores Ibárruri geschrieben hatte, weder die Partei noch sich selbst. Wegen der schonungslosen Enthüllungen - zumal über den problematischen Zustand der spanischen KP und über die dunkle politische Vergangenheit ihres Generalsekretärs Santiago Carillo - löste das Buch heftige Polemiken und Debatten in der jungen spanischen Demokratie aus. Über das Grunddilemma seiner ehemaligen Genossen schrieb Semprún treffend:

„Kommunistisches Gedächtnis ist im Grunde keins, denn es speichert die Vergangenheit nicht, sondern es zensiert sie. Das Gedächtnis kommunistischer Funktionäre funktioniert pragmatisch, auf die momentanen politischen Interessen und Ziele abgestimmt. Es ist kein historisches, kein Zeugengedächtnis, sondern ein ideologisches Gedächtnis.“

Der Bestseller trug dem Autor den angesehensten spanischen Literaturpreis ein und vereitelte nach Überzeugung des ausgewiesenen Spanien-Kenners Walter Haubrich einen Wahlsieg der spanischen Kommunisten bei den ersten demokratischen Wahlen nach Francos Tod.

Prüfstein für jeden Kommunisten ist seine Haltung zur Sowjetunion! Dieser ebenso polarisierende wie inquisatorische Satz stammt aus dem Arsenal der Dritten Internationale. Er sollte jeden Nazigegner in die Zwangsgemeinschaft mit dem Stalinismus treiben. Für den Schriftsteller Semprún galt er weiter, allerdings in umgekehrter Richtung. In seinem 1981 veröffentlichten Aufsatz „Links bleiben“ (Freibeuter, H. 10) postulierte er, dass links sich nur nennen könne, der in der Kritik der Sowjetunion bis zum Ende gehe. Bis zum Ende - historisch bis zur Verwerfung der Oktoberrevolution in Russland, politisch bis zur Einsicht, dass jede Reform des sowjetischen Zwangssystems von oben vergeblich sei. In seinem Roman „Was für ein schöner Sonntag“(1981) arbeitete er seine Buchenwald-Erfahrung ein zweites Mal auf. Ihm war längst bewusst, nachdem er die Wahrheit über die stalinistischen Lager aus den Büchern Solschenizyns und Schalamows erfahren hatte, dass mit der Gleichzeitigkeit von KZ- und Gulag-Erfahrung die Unschuld des Gedächtnisses, auf der „Die große Reise“ basierte, nunmehr durchlöchert war. Wer über Stalin schweigt, soll nicht das Recht haben, über Hitler zu reden. „Was für ein schöner Sonntag“ ist wohl Semprúns wichtigstes Buch und gleichzeitig die sehr persönliche, oft ironische und bittere Auseinandersetzung mit den eigenen Illusionen und Irrtümern. Er hat, den Schlusspassagen des Buches zufolge, zweimal überlebt: zum einen das Nazi-Konzentrationslager, zum anderen den ideologischen Terror des Stalinismus. Auch in seinen folgenden Büchern – „Algarabía“ (1981), „Der weiße Berg“(1986) und „Netschajew kehrt zurück“ (1987) - bleibt der Schriftsteller seinem Lebensthema treu: der erinnernden Vergegenwärtigung der totalitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts und der unausweichlichen Verstricktheit der eigenen Biographie in die Zeitläufe.

1986 machte Semprún in der Bundesrepublik auf sich aufmerksam. Er hielt das Eröffnungsreferat zu den Römerberggesprächen in Frankfurt am Main („Stalinismus und Faschismus“, in: taz, 14.6.1986) Er plädierte zur allgemeinen Überraschung unter den Anwesenden für eine Wiedervereinigung Deutschlands. Dies sei nur denkbar, führte er aus, wenn es in Europa einen entscheidenden Fortschritt der demokratischen gegenüber den totalitären Staaten gebe. Er betonte, es dürfe keinen blinden Friedenswillen geben. Die Demokratie sei die Wurzel des Friedens und nicht umgekehrt. Semprún prangerte die vorherrschende Blindheit gegenüber den sozialen Realitäten des Sowjetkommunismus an. Sie sei eines der Haupthindernisse für ein angemessenes historisches Bewusstsein der Deutschen. Doch Semprúns Versuch, den schwach entwickelten Antitotalitarismus der westdeutschen Linken herauszufordern, hatte kaum Resonanz, und sein Anstoß blieb von der breiten Öffentlichkeit in Deutschland so gut wie unbeachtet.

In den Jahren 1988-1991 wirkte er als parteiloser Kulturminister im Kabinett des Sozialisten Felipe González in Madrid. Nach seinem Abschied aus der Politik erreichte Semprún 1992 die Bitte des deutschen Journalisten Peter Merseburger, ihn doch nach Buchenwald zu begleiten, um ihn bei Dreharbeiten eines Fernsehdokumentarfilms zu unterstützen. Nach anfänglichem Zögern willigte Semprún ein. Die Besichtigung des Lagers – zum ersten Mal seit 47 Jahren – ist der Kristallisationspunkt seiner dritten Auseinandersetzung mit dem KZ Buchenwald, die in dem Buch „Schreiben oder Leben“(1995) – ein Jahr nach seiner Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in Frankfurt am Main – ihren Niederschlag findet. Der Tod durchzieht dieses Buch, aber es ist nicht düster. Im Gegenteil, in ihm steckt ein erstaunlicher, beinahe weiser Gleichmut, eine tiefe Gewissheit über die Freiheit des Menschen. In Semprúns Perspektive bewahren die Häftlinge, wiewohl geschunden und gepeinigt, ihre Würde. Auf der Seuchenstation des Krankenreviers, ein Ort, den die SS panisch mied, versammelten sich am Sonntagnachmittag während der wenigen Freistunden politische Häftlinge aus allen Ländern, um über Kant, Hegel, Schelling oder die Romane von André Malraux zu diskutieren. Hier, im Block 56 des Kleinen Lagers, diskutieren die von den Nationalsozialisten aus ganz Europa Verschleppten über die These, dass das radikal Böse nicht das Unmenschliche schlechthin sei, sondern vielmehr einer der möglichen Entwürfe der Menschlichkeit des Menschen. Gedichte begleiten Semprún während seiner Haft. Am Totenbett des Häftlings Maurice Halbwachs spricht er Verse von Baudelaire, gemeinsam deklamieren die Kameraden Gedichte von Valéry, Vallejo und Aragon. Er habe, erinnert sich Semprún, das Glück gehabt, in den entscheidenden Momenten seines Lebens immer auf einen Dichter gestoßen zu sein. „Schreiben oder Leben“ bildet den Schlüssel zu dem Schriftsteller Semprún. In diesem Werk lässt er uns Einblick nehmen in den Kern seines Werks, die Wahl der Freiheit aus der Brüderlichkeit des Todes.

In seinem 2002 erschienenen Buch „Der Tote mit meinem Namen“ erinnert sich Semprún am genauesten an Buchenwald. Es ist sicherlich die eindrucksvollste seiner Darstellungen des Lebens im KZ, obwohl es auch in diesem Buch an Umwegen, Sprüngen, Rückblenden, Assoziationen und Vergleichen mit anderen Gräueltaten der jüngeren Geschichte nicht fehlt. Das Wechselspiel der Erinnerung ist zu einem Kennzeichen der Schreibtechnik Jorge Semprúns geworden. In keinem seiner Bücher hat er die scheußlichen Details der alltäglichen Realität in Buchenwald so genau und nüchtern dargestellt wie jetzt: die sadistische Misshandlung und Erniedrigung durch die SS-Wächter, Fronarbeit, ständige Überwachung, völlige Erschöpfung und Hungertod. Buchenwald war auch eine Klassengesellschaft. Die unterste Klasse bestand aus Muselmännern. Es waren Menschen an der Grenze zwischen Leben und Tod, die, zur Arbeit nicht mehr fähig, nur noch auf einen qualvollen Tod warten konnten. Dort, bei diesen Menschen, findet die kommunistische Lagerorganisation auch den todkranken französischen Studenten, dessen Namen Semprún annehmen wird. Den Toten brauchen sie, um Semprún eine neue Identität zu geben, nachdem eine Anfrage über ihn gekommen war. Wenn die deutsche Regierung sich für einen Häftling interessierte, das wussten die kommunistischen Hilfssekretäre in der Lagerverwaltung, bedeutete das in der Regel die Überführung des Betroffenen in ein Vernichtungslager, also den sicheren Tod. Die Verantwortlichen der geheimen kommunistischen Zelle in Buchenwald wollten Semprún retten und ließen ihn deshalb bürokratisch sterben. Sie gaben ihm den Namen und die Papiere des Franzosen, der wenige Tage nach der Anfrage aus Berlin starb. Kurze Zeit später erfuhren sie, dass die Anfrage keine Gefahr für Semprún bedeutete. Das deutsche Außenministerium war von dem spanischen Botschafter in Paris um Auskunft gebeten worden. Diesen wiederum hatte Semprúns Vater, früher im diplomatischen Dienst der Republik, nun im französischen Exil und mit dem Botschafter Franco-Spaniens bekannt, um Informationen über seinen nach Deutschland deportierten Sohn gebeten. Das Interesse des Botschafters Francos für den Häftling bringt Semprún ein strenges Verhör durch die Verantwortlichen der kommunistischen Organisation in Buchenwald ein. Viele Jahre später erzählt ihm ein Mithäftling und Freund, dass die kommunistischen Zellenführer, die ihn damals der „Verbindung zum Feind“ verdächtigten und in dem Buch mit ihren wirklichen Namen erschienen, zu Opfern der stalinistischen Säuberungen wurden.

Die Rolle des Überlebenden, die Semprún nie übernehmen wollte, bringt kaum Ansehen, hingegen viel Ärger, auch Gefahren mit sich. In kommunistischen Ländern wurden Überlebende, ob aus dem Spanischen Bürgerkrieg oder aus den deutschen Konzentrationslagern, häufig als „Verräter“ verfolgt. Das pure Glück, überlebt zu haben, meint Semprún, werde einem auch in demokratischen Ländern vorgeworfen. Die Historiker und Soziologen misstrauten den überlebenden Zeugen, die schließlich nicht bis an das Ende der Erfahrung gegangen, nicht gestorben seien. Die besten, die einzigen wahren Zeugen sind diesen Experten zufolge die Toten. Doch, fragt Semprún am Ende des Buches, wie sollen sie die wahren Zeugen, das heißt die Toten, zu ihren Kolloquien einladen? Wie sollen sie zum Sprechen gebracht werden ?

Fazit: Der Lebensweg von Jorge Semprún, der 1994 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, ist ungewöhnlich, ja außerordentlich. Er sagte damals: „Ich bin nur eines wirklich im Leben: ein ehemaliger Deportierter aus Buchenwald.“ Mit der Kraft seiner Sprache arbeitet der Schriftsteller Jorge Semprún gegen das Vergessen und für die Erinnerung, indem er Einzelheiten in geradezu photographischer Genauigkeit darstellt. Fiktion und Realität, philosophisch-politische Reflexion und autobiographische Assoziationen verschmelzen in seinen um die Buchenwald-Erfahrung kreisenden Büchern. Die Art, wie Semprún sich selbst in Literatur umgesetzt und damit – für die Öffentlichkeit – verfügbar und gebrauchbar gemacht hat, ist bedeutsam. In Jorge Semprún begegnen wir einem Menschen, der ein Beispiel dafür ist, wie man europäische Geschichte im 20. Jahrhundert auch hat durchleben und erleiden können. Er spricht zu uns aus einer Vergangenheit, die in ihren Opfern bis heute gegenwärtig ist.


Der Autor

Dr. Martin Rooney, geb. 1948 in Manchester. Studium der Germanistik Philosophie und Soziologie an den Universitäten Birmingham, Mainz, FU Berlin und Bremen. B.A. (Hons.) und Dr. phil.. Ab 1978 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der North East London Polytechnic sowie an der Universität Bremen. 1. Vorsitzender der Armin-T.-Wegener-Gesellschaft 1986-1999. Seit 1990 freier Autor, Übersetzer und Erwachsenenbildner in Bremen.

Erschienen in FREIHEIT UND RECHT 2010 / 1